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     Die Eiche und das vergessene Licht

 
Ein Waldmärchen über das Zurückkehren ins eigene Herz

Es war einmal eine Frau, die so viel gab und hielt, dass sie sich selbst fast vergessen hatte. Sie wanderte durch Wälder und Dörfer, trug die Sorgen anderer wie schwere Steine, und ihr Herz wurde müde vom ständigen Geben.

Auf einer stillen Lichtung stand eine alte Eiche, mächtig und weit, ihre Äste neigten sich wie schützende Arme.

„Komm zu mir“, flüsterte die Eiche, „setz dich an meinen Stamm. Lehne dich an mich, lass los, was dich drückt. Ich trage dich und schenke dir neue Kraft. Ich sehe dein reines Herz, das liebt und gibt, mehr als du selbst hast. Du hast dich selbst aufgelöst im ständigen Halten und Helfen – doch hier darfst du wieder zu dir zurückfinden.“

Die Frau setzte sich ins Moos und lehnte sich an den warmen Stamm. Langsam sank die Last von ihr ab, wie Tau, der von den Blättern fällt. Sie spürte, wie ein Funken Licht in ihrer 

Brust wieder aufglomm, zart, warm und lebendig – ihr eigenes zartes Herzenslicht.

„Du darfst jederzeit an diesen Ort zurückkehren“, flüsterte die Eiche, „wann immer du Halt brauchst, um wieder geben zu können.“

Von diesem Tag an wusste die Frau: Sie konnte lieben, halten und schenken, ohne sich selbst zu verlieren. Und immer, wenn sie müde wurde, führte ihr Weg zurück zu der alten Eiche, die sie trug und ihr Herz wieder leuchten ließ.

 

Ende

 

Wo hast du dich im Geben selbst ein Stück verlassen –

und was wäre dein nächster Schritt zurück zu dir?

Wo ist deine Eiche?

Und erlaubst du dir, dorthin zurückzukehren?

Waldmärchen verfasst von Ina Drießen 2025

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